Die Frage „Wie finde ich meinen eigenen Stil“ ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage von Künstlern die ganz am Anfang ihrer Ausbildung stehen.

Bestimmte Menschen haben eine natürliche Affinität für bestimmte Tätigkeiten. Es gibt Leute die sind begabt in der Mathematik und es gibt begabte Musiker, doch niemand wird gut in einer Sache, die er nicht trainiert, egal wie viel Talent er besitzt. Auch von Kunstlaien wird der „Stil“ eines Künstlers als erstes kommentiert und bewertet. Die meisten Leute verstehen dabei aber nicht, was „Stil“ in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet, woraus sich dieser zusammensetzt, oder woher er kommt.

Um einen eigenen Stil zu entwickeln, muss ein Künstler erst einmal die grundlegenden künstlerischen Disziplinen (z.B. Perspektive, Form, Licht und Schatten, Farblehre) beherrschen. Sobald er sich diese Fähigkeiten angeeignet hat, kennt er die Regeln der Kunst und kann diese bewusst brechen, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.  Leider benutzen viele Künstler, die sich nie die Zeit genommen haben, diese Disziplinen zu meistern, ihren persönlichen Stil als Ausrede, um z.B. mangelnde Fähigkeiten zu entschuldigen. Das geschulte Auge erkennt aber recht schnell, ob etwas absichtlich „falsch“ gezeichnet wurde, oder ob der Künstler es nicht besser konnte.

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Um dies zu demonstrieren schauen wir uns zwei Bilder genauer an: John Singer Sargents „Madame X“ und „Der Tanz“ von Henri Matisse.  Sargents Gemälde zeigt ein starkes Verständnis von Licht und Schatten, Anatomie, Komposition und vor allem zeichnerischer Fähigkeit. „Der Tanz“ von Henri Matisse hingegen wirkt infantil. Die Proportionen der Figuren ergeben keinen Sinn, Gliedmaßen sind zu kurz oder zu lang, zu groß oder zu klein. Die Figuren haben keinerlei Form und wirken aufgeklebt und zweidimensional. Das fehlende Verständnis von Anatomie führt zu Personen die aussehen als wären sie aus Gummi, statt aus Fleisch, Blut und Knochen. Nun wird bei Matisse schnell der „persönliche Stil“ als Begründung dafür herbeigeführt. Doch auch Sargents Gemälde zeigt starke stilistische Entscheidungen: die ungewöhnlich blasse Haut,  der lange Hals und die vermutlich äußerst unbequeme Haltung der rechten Hand, sowie der starke Ductus , sind Entscheidungen die Sargent bewusst getroffen hat. Er hat Regeln gebrochen und trotzdem ein Bild erschaffen, welches glaubwürdig wirkt. Matisse schafft das nicht.


„Madame X“
– John Singer Sargent

Der persönliche Stil eines Künstlers sollte die Regeln der Kunst nur dann brechen oder dehnen, wenn dies einen Zweck erfüllt. Die blasse Haut in Sargents Gemälde wurde gewählt  um den Kontrast zum schwarzen Kleid und zum Hintergrund zu verstärken, sodass der Betrachter zuerst auf das Gesicht schaut. Bei Matisse besteht kein Grund dafür, dass Finger aussehen wie Würste, oder Arme auf das doppelte ihrer eigentlichen Länge gestreckt werden.

Welche stilistischen Entscheidungen ein Künstler trifft, hängt also von seinen Intentionen ab. Der eigene Stil entwickelt sich durch das Entdecken der eigenen Vorlieben und der Orientierung an anderen Künstlern. Bevor das alles  geschehen kann,  müssen jedoch  die Grundlagen ausreichend trainiert worden sein. Denn wie soll man bewusst Regeln brechen, wenn man diese nicht kennt?


„Der Tanz“
– Henri Matisse

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