Proportionen Richtig Zeichnen

veröffentlicht am 22.07.2022

2 Methoden: Sight Size und Comparative Measurement

Beim realistischen Zeichnen ist einer der wichtigsten Faktoren für eine glaubhafte Darstellung, die richtigen Proportionen zu treffen. Hierbei können bestimmte Messtechniken sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene sehr hilfreich sein. Zu unterscheiden sind dabei zwei wesentliche Methoden: Das sogenannte „Sight Size“ und das „Comparative Measurement“ (auch genannt „komparative Messmethode“).

Was ist das?

Unter „Sight Size“ versteht man die Messmethode, bei der das betrachtete Motiv direkt in der Größe aufs Papier gebracht wird, in der es vom Zeichner bzw. von der Zeichnerin gesehen wird. Daher stammt auch der Name: „Sight Size“ bedeutet im Englischen wörtlich „Sicht-Größe“.
Hierbei entsteht die Zeichnung im Vergleich zum Gesehenen im Maßstab 1:1.

Wie funktioniert „Sight Size“? Step-by-Step

  1. Stelle dein Zeichenbrett so gerade wie möglich auf (90 Grad).
  2. Stelle sicher, dass du dich und dein Brett so positionierst, dass du dein Motiv in einem Format siehst, das auf deinem Papier (oder sonstigen Zeichengrund) passt. Je nachdem mit welcher Hand du zeichnest, solltest du beim Zeichnen und Messen an der gegenüberliegenden Seite des Bretts entlang gucken (z.B. als Rechtshänder links). Du solltest wenigstens eine Armlänge Abstand zu deinem Brett haben.
  3. Stelle sicher, dass du frontal zu deinem Brett stehst, und so, dass deine Körpermitte genau zwischen deinem Motiv und deinem Brett ist. Zum Beispiel beim Zeichnen von Figuren kann es hilfreich sein, die Kante des Bretts gerade so mit dem äußersten Punkt der Figur zu überlappen.
  4. Markiere deine Position mit Klebeband.
  5. Finde eine zentrale vertikale Linie durch dein Motiv mit einem geschlossen Auge und zeichne diese auf deinem Papier ein. Eine Lotlinie, auch „Plumbline“ (siehe unter „Messinstrumente“) kann dabei helfen, diese Gerade zu bekommen.
  6. Du kannst jetzt die wichtigsten Höhen deines Motivs wie folgt messen: Stelle dich aufrecht auf deine Position, strecke deine Arme vor dir durch (!), sodass dein „Messinstrument“ genau waagerecht vor dir ausgestreckt ist (falls du ein „Messinstrument“ wie eine Plumbline benutzt) und schließe ein Auge. Überlagere die Plumbline mit dem Punkt, dessen Höhe du übertragen möchtest und mache eine Markierung an der Stelle, an der die Plumbline die vertikale Linie auf deinem Papier schneidet.
    Du kannst dies mit jeder Höhe machen, allerdings ist es hilfreich, mit dem höchsten und tiefsten Punkt deines Motivs anzufangen und dann die Höhen der Wichtigkeit nach abzuarbeiten.
  7. Kontrolliere (auch mehrfach) deine Höhen in Abhängigkeit von deinem höchsten und tiefsten Punkt.
  8. Um die wichtigsten Breiten zu messen, nimm die gleiche Position und Pose ein wie beim Messen der Höhen, schließe ein Auge und bestimme die Entfernung zwischen dem gewünschten Punkt und der imaginären zentralen Linie auf deinem Motiv. Du kannst hierbei ein „Messinstrument“ nutzen: Wenn du eine Plumbline benutzt, benutze beide Daumen, um die genaue Entfernung festzuhalten; wenn du ein stabiles Objekt (wie z.B. einen Bleistift, ein Lineal etc.) benutzt, benutze einen Daumen und das Ende des Objekts. Übertrage die Breite, indem du deine Abmessung über dein Papier hältst und eine Seite (entweder den Daumen oder das andere Ende) mit der vertikalen Linie überlappst.
    Du kannst dies mit jeder Breite machen, allerdings ist es hilfreich, mit dem breitesten Punkt deines Motivs anzufangen und dann die Breiten der Wichtigkeit nach abzuarbeiten.
  9. Kontrolliere (auch mehrfach) deine Breiten in Abhängigkeit von deinem breitesten Punkt.

Es ist dir überlassen, ob du zuerst alle wichtigen Höhen und dann alle wichtigen Breiten misst, oder ob du sie abwechselnd misst, sodass du einen Punkt (Höhe und Breite) nach dem anderen überträgst.

Das „Comparative Measurement“ hingegen kommt zum Einsatz, wenn etwas übertragen werden soll, dass größer oder kleiner gesehen wird als es auf der Zeichnung dargestellt wird. Dies ist der Fall, wenn das Motiv vom Zeichnenden etwa sehr nah dran oder sehr weit entfernt ist. So kann beispielsweise die räumliche Umgebung einen Einfluss auf die Wahl der Messmethode haben — Bei einem kleinen Raum kann man sich gegebenenfalls nicht weit genug vom Motiv wegbewegen, um das entsprechende Format zu erreichen.
In „Comparative“ entsteht die Zeichnung also immer im Maßstab 1:X zum Gesehenen (für die Mathematiker mit X≠1).

Wie funktioniert „Comparative Measurement “? Step-by-Step

  1. Du kannst dein Zeichenbrett im 90 Grad Winkel aufstellen, aber die Komparative Methode kann auch genutzt werden, wenn du z.B. dein Papier flach auf dem Tisch liegen hast oder einen Block auf den Knien hältst.
  2. Obwohl du dich und dein Brett vielleicht nicht so positionieren kannst, dass du dein Motiv in einem Format siehst, das auf deinem Papier passt, solltest du trotzdem darauf achten, eine gute Sicht auf dein Motiv zu haben. Wenn du ein aufgerichtetes Brett verwendest, solltest du je nachdem mit welcher Hand du zeichnest beim Zeichnen und Messen an der gegenüberliegenden Seite des Bretts entlang gucken (z.B. als Rechtshänder links). Du solltest etwa eine Armlänge Abstand zu deinem Brett haben. Ein bisschen Platz hinter dir kann hilfreich sein, um später beim Zurücktreten einen besseren Vergleich vom Gesamteindruck machen zu können.
  3. Stelle sicher, dass du frontal zu deinem Brett stehst, und so, dass deine Körpermitte genau zwischen deinem Motiv und deinem Brett ist.
  4. Markiere deine Position mit Klebeband.
  5. Finde eine zentrale vertikale Linie durch dein Motiv mit einem geschlossen Auge und zeichne diese auf deinem Papier ein. Eine „Plumbline“ kann dabei helfen, diese Gerade zu bekommen.
  6. Normalerweise beginnt man eine Zeichnung im „Comparative Measurement“ indem man den höchsten und tiefsten Punkt des Motivs auf dem Papier bestimmt. Hierfür suchst du dir einfach zwei Punkte auf dem Papier aus, die zum gewünschten Format deiner Zeichnung passen. Diese Punkte dienen dann als Basis aller deiner weiteren Messungen.
  7. Als Nächstes bestimmst du dann die wichtigsten Höhen deines Motivs: Ähnlich wie beim Sight Size müsst du dafür auf deiner Position stehen, die Arme mit deinem „Messinstrument“ vor dir durchstrecken und ein Auge schließen. Du bestimmst dann die Höhe des ausgesuchten Punktes, indem du seine Entfernung vom höchsten und seine Entfernung vom tiefsten Punkt vergleichst (Entfernungen können dabei wie beim Sight Size mithilfe des oder der Daumen festgehalten werden). Hieraus erhältst du ein Längenverhältnis (z.B. 2/3), welches du dann auf dein Papier übertragen kannst.
  8. Kontrolliere (auch mehrfach) dein Längenverhältnis und die resultierende Markierung.
  9. Um die wichtigen Breiten zu messen, nimmst du die gleiche Position ein, die du für die Höhen genutzt hast, und schließt ein Auge. Dann musst du eine Entfernung finden, die du bereits bei den Höhen bestimmt hast (z.B. bei einem Portrait: die Entfernung vom höchsten Punkt zum Haaransatz, von den Augenbrauen zur Nasenspitze, von der Nase zum Mund etc.) um diese als Messeinheit nutzen zu können. Nachdem du dich auf eine solche Einheit festgelegt hast, kannst du die Entfernung von der imaginären zentralen Linie deines Motivs zum Punkt, dessen Breite du bestimmen willst, in ihr messen (z.B. könnte so die Breite des Wangenknochen 2 Augenbraue-zum-Haaransatz Einheiten sein). Du kannst dieses Längenverhältnis dann auf dein Papier übertragen.
    Dies kannst du mit jeder Breite machen, allerdings ist es hilfreich mit dem breitesten Punkt deines Motivs anzufangen und dann die Breiten der Wichtigkeit nach abzuarbeiten.
  10. Kontrolliere (auch mehrfach) dein Längenverhältnis und die resultierende Markierung.

Wie auch beim Sight Size liegt es im Grunde bei dir, ob du zuerst alle wichtigen Höhen und dann alle wichtigen Breiten misst, oder ob du sie abwechselnd misst, sodass du einen Punkt (Höhe und Breite) nach dem anderen überträgst, allerdings solltest du mit dem höchsten und tiefsten Punkt, sowie einer zusätzlichen Höhe anfangen, die dir dann als Messeinheit für die Breiten dienen können.

Als hilfreiche „Messinstrumente“ können hierbei „Plumblines“ (Bleilote bzw. -leinen), sowie Holzspieße, Stricknadeln oder ähnliche dünne, stabile Gegenstände, aber auch Lineale genutzt werden. Mit solchen Hilfsmitteln kann man dann die genauen bzw. komparativen Maße einfach mit den (oder den) Daumen abnehmen.

Wofür nutzt man diese Messmethoden?

Beide Messmethoden kommen - auch je nach Präferenz des Kunstschaffenden und natürlich abhängig von den örtlichen Gegebenheiten - immer dann zum Einsatz, wenn etwas maßstabsgetreu und proportional exakt dargestellt werden soll. Dies ist in der klassischen Kunst der Fall bei Zeichnungen, die direkt vom realen Modell erarbeitet werden, wie z.B. Aktzeichnungen, Portraits oder auch Stillleben. Bei „Master Copies“ (Kopien von Werken alter Meister) können sie aber ebenfalls hilfreich sein.
Aber auch für „neuere“ Richtungen wie zum Beispiel Urban Sketching (Zeichnungen von Architektur und Umgebungen) kann man diese Messmethoden verwenden.

Wie lerne ich diese Methoden?

Da beide Methoden relativ einfach und schnell erklärt sind, ist es nicht schwer, sich diese selbst beizubringen. Zudem lassen sich online zahlreiche Tutorials finden, die die Vorgänge ausführlich und anschaulich darstellen. Ein Feedback dazu, ob man alles richtig macht, können diese einem dabei natürlich nicht geben, daher sollte man sehr darauf achten, auch Einzelheiten zu befolgen.
Wer aber so ein Feedback haben möchte, sollte sich einen Lehrer bzw. eine Lehrerin suchen, die diese Methoden beherrscht und einen auf etwaige Fehler beim Übertragen hinweisen bzw. einen richtig einweisen kann. Solche Lehrer können im Privatunterricht oder in Workshops gefunden werden, aber natürlich auch an Schulen wie der Academy of Fine Art, die ihren Schülern solche Grundlagen gleich am Beginn ihres Studiums beibringen.

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